Ortstermin: Landgut A. Borsig

Landgut A. Borsig (Foto: Peter Stumpf)

Erneut stellen wir Ihnen einen Kreditkunden der Triodos Bank in unserem Newsletter vor. Dieses Mal war Michalis Pantelouris zu Besuch beim Landgut A. Borsig im schönen Havelland in der Nähe von Berlin. Er sprach mit Michael Stober, der dem vergessenen, aber historisch so reichen Ort neues Leben eingehaucht hat. Übrigens: Das Landgut A. Borsig wird auch in dem neuen internationalen Imagefilm der Triodos Bank neben anderen Kreditkunden vorgestellt. Der Imagefilm wird ebenfalls in diesem Newsletter präsentiert.

 
„Eine Ruine mit Geschichte und ein Wunder”

Die Magie des Ortes. Am Ende kann Michael Stober alles auf diesen Moment zurückführen, wenn er überlegt, wie es zu dem riesigen Projekt kam, das auf dem Landgut A. Borsig entsteht. Denn als er beschloss, diesen besonderen Ort zu kaufen, da wusste er noch fast gar nichts über die großartige Geschichte des Landgutes A. Borsig, über den Geist, über die Möglichkeiten. Ich habe hier gestanden und es gespürt“, sagt er einfach. Heute spürt es jeder, der zu Besuch kommt. Aber das ist jetzt einfach, denn das große Wunder hat Michael Stober bereits vollbracht.

Das Landgut war eine Ruine, als er es übernahm, eingestuft als nicht mehr restaurierbar, eigentlich nur ein Grundstück voller Steine drauf – und dem Müll, den Anwohner hier jahre- oder gar jahrzehntelang in die leeren Gebäude entsorgt hatten. Heute gibt es hier, am malerischen Groß Behnitzer See im Havelland, ein kleines Hotel, ein Restaurant, Räume für Hochzeiten, Tagungen und Kurse. Und ein faszinierendes Stück deutscher Geschichte, denn der Name Borsig steht für revolutionäre Ideen und Entwicklungen, die das ganze Land geprägt haben.

August Borsig war ein Industrieller in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Gründer der Borsig-Werke und ein Pionier in der Zeit der ersten Eisenbahnen. Es gab Zeiten, da kamen praktisch alle neu gebauten Eisenbahnen im Preußischen Reich von ihm. Aber er war auch ein Vorreiter im Bereich der sozialen Verantwortung: Bei ihm gab es die erste betriebsinterne Sozialversicherung – und ein Betriebsschwimmbad, um den Risiken der katastrophalen Hygiene in den Berliner Arbeitervierteln entgegenzuwirken. Und mit dem gleichen Pionier- und Erfindergeist, der dem Erfolg seiner Borsig-Werke zugrunde lag, ging er auch an die Erneuerung der Landwirtschaft heran, nachdem er von einem verarmten Landadeligen ein Gut im Havelland gekauft hatte: das Landgut A. Borsig in Groß Behnitz, direkt am Ufer des Sees.

„Man kann sagen, ich hatte eine Vision“

Michael Stober (Foto: Peter Stumpf)

„Hier unten“, sagt Michael Stober und zeigt in den klaffenden Abgrund, der einmal der Keller gewesen ist, „steht die erste vollautomatische Kartoffeldämpfmaschine Deutschlands.“ Es ist eine Sammlung von Rollen und Ketten, an denen Förderschaufeln befestigt sind, Tröge und Wannen, verrostet, zerschlagen und halb unter der Erde begraben. Eine technische Meisterleistung ihrer Zeit, dem Verfall anheimgegeben. Man kann ahnen, wie das ganze Gut ausgesehen haben muss, als Stober zum ersten Mal herkam, im Jahr 2000 und eigentlich auf der Suche nach einem Haus für sich selbst. „Ein Freund hat mir davon erzählt, dass dieses Gut hier zum Verkauf steht“, sagt er, „und ich Depp bin hingefahren.“ Die Bäume wuchsen durch die Häuserdächer. Aber Stober, der als Bauunternehmer einige Erfahrungen mit Sanierungen gemacht hat – „ein paar tausend Einheiten“ –, konnte etwas sehen, das außer ihm niemand für möglich hielt. „Man kann sagen, ich hatte eine Vision“, sagt er heute, „und im Gegensatz zu Helmut Schmidt glaube ich nicht, dass Menschen mit Visionen zum Arzt gehen sollten.“ Er begann, seine Vision umzusetzen.

Es dauerte eine Weile, bis das Konzept stand, denn dass das Landgut A. Borsig nicht als Wohnhaus für eine Familie taugte, war klar. „Ich suchte nach einer Umsetzung, die öffentlichkeitswirksam ist, einer nachhaltigen Geschäftstätigkeit, die einem kulturellen Hintergrund dient.“ Wobei der kulturelle Hintergrund, den August Borsig und später seine Söhne vorgegeben haben, breiter nicht sein könnte. Technik, Landwirtschaft, Biologie (alle Borsigs waren Dendrologen – Nichtnutzbaum-Forscher) – verbunden mit sozialem und gesellschaftlichem Engagement bis hin zum Kreisauer Kreis, jener oppositionellen Gruppe der Nazizeit um James von Moltke, aus der auch die Widerstandskämpfer des 20. Juni 1944 um Graf von Stauffenberg hervorgingen. Ideen für die Zeit nach dem aus ihrer Sicht unvermeidlichen Untergang des Dritten Reiches entwickelten die „Kreisauer“, und ihre Ideen zur Landwirtschaft diskutierten sie hier, bei Dr. Ernst von Borsig junior (die Borsigs waren inzwischen geadelt worden). Er war der Urenkel von August Borsig, der Dritte und Letzte in der Reihe der Nachfahren August Borsigs, der das Landgut inzwischen übernommen hatte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Dr. Ernst von Borsig junior, der Widerständler gegen die Nazis, nach Kriegsende in einem russischen Internierungslager an einer Infektion starb, bevor es der Familie gelungen war, seine Nazigegnerschaft zu beweisen. Es war auch der Beginn des Niedergangs für das Gut.

Fortschritt und Widerstand an einem Ort vereint

Landgut A. Borsig (Foto: Peter Stumpf)

Technischer Fortschritt war immer ein Eckpfeiler des Borsig’schen Denkens gewesen. Nicht nur bei den Lokomotiven, die die Borsigwerke verließen, oder bei den Ingenieurleistungen zum Beispiel beim Brückenbau (die auch heute noch auf Rollen liegenden Autobahnbrücken, die so die Bewegung des Materials bei Temperaturschwankungen ausgleichen, basieren auf einer Borsig-Konstruktion) – sondern auch in der Landwirtschaft auf dem Gut. Der Kuhstall wurde mittels eines Röhrensystems durch die Gase der Gülle klimatisiert, die Felder mithilfe von Dampfmaschinen bestellt, und die Schnapsbrennerei, für die auch die Kartoffeldämpfmaschine entwickelt worden war, funktionierte weitgehend automatisiert – die Kartoffeln wurden nicht nur automatisch gedämpft, sondern der Abrieb über die Förderketten auch gleich zum Verfüttern in den Schweinestall transportiert. Schon das ist beeindruckend. Aber zu einem Gesamtbild fügt es sich erst, wenn man in den Schriften des Kreisauer Kreises liest, dass Ernst von Borsig junior eben nicht nur ein genialer Techniker war. Im Mittelpunkt allen landwirtschaftlichen Schaffens steht für ihn der Mensch: Während über Technik in seinen Ausführungen praktisch kein Wort verloren wird, geht es ihm um die Rolle und die Aufgabe der Bäuerin und des Bauern in der Gesellschaft, in der dörflichen Gemeinschaft, in der Welt. Selbst in der an großen, verantwortungsbewussten und engagierten Unternehmern reichen deutschen Geschichte verdient er einen Sonderplatz.

Zu DDR-Zeiten war das Landgut A. Borsig eine LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), später wurden einzelne Gebäude noch genutzt, zum Beispiel als Kindertagesstätte. Aber wie wohl überall im Havelland ziehen auch hier mehr Menschen weg als geboren werden. Was soll man mit einem so großen Grundstück in so einer Gegend? Wer sollte all das wieder mit einem Leben füllen? „Es hat mich wahrscheinlich in einem perfekten Moment erwischt“, sagt Michael Stober. Und dann, mit einem leichten Grinsen: „Die Gravitation des Alters treibt einen dazu, Dinge zu tun, die einen tieferen Sinn ergeben.“ Er ist erst 52 Jahre alt, insofern ist das mit dem Alter relativ zu sehen, aber er hat schon mindestens ein Berufsleben als Bauunternehmer hinter sich. Die Energie, mit der er das Zentrum dieser Unternehmung bildet – ständig ansprechbar, mit Überblick über jedes kleine Detail –, lässt ahnen, dass es ein intensives Unternehmerleben war. Dieser Mann wirkt, als könne er gar keine halben Sachen machen.

Der Geist der Borsigs

Die Räume für die Kurse im Landgut A. Borsig sind fast fertig. Sie werden bald der Mittelpunkt von allem sein, was hier passiert. Man wird hier töpfern können oder lernen, wie die 24 Tonnen schwere Dampfmaschine funktioniert, die Stober von den Borsigwerken gespendet bekommen hat. Oder Schnaps brennen, drucken, kochen, malen, backen. Wenn man es in einem Satz zusammenfassen sollte, könnte man wahrscheinlich sagen, Michael Stober schafft einen Ort, an dem Menschen begreifen können. Im Wortsinn: Lernen durch Begreifen, Anfassen, Selbermachen. Natürlich kann man auf dem Gut auch einfach Urlaub machen in der schönen Natur und dem wunderbaren, auf gradlinige Art lässigen Hotel, das in dem ehemaligen Gästehaus untergebracht ist und bald in der ehemaligen Scheune erweitert wird. Man kann hier heiraten, oder einfach nur in dem Restaurant mit der Seeterrasse Essen gehen, Konzerte besuchen oder Tagungen abhalten mit mehr als tausend Teilnehmern in dem großen Saal im ehemaligen Kuhstall. Aber in Wahrheit handelt die Magie des Ortes davon, wie viel jeder einzelne Mensch in dieser Welt bewirken kann, wenn er all seine Fähigkeiten einsetzt und es tatsächlich macht. Es geht nicht um den Borsig in uns, aber um den Geist, der auch die Borsigs angetrieben hat, und der in jedem von uns steckt.

Michael Stober weiß heute nicht einmal genau, was er von Beruf ist. „Investor“ steht in der Broschüre, die das Landgut Interessierten schickt oder mitgibt, wenn sie zu Besuch kommen. Er selbst sagt, der richtige Begriff sei wahrscheinlich „Enthusiast“. Und es klingt ein bisschen wie ein Leitsatz für das, was Besucher hier erleben und mitnehmen können, wenn Michael Stober über seine eigene Motivation für das Projekt sagt: „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.“

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar (Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln.)

über Facebook ...

... oder über dieses Formular.